Herrscherin

Herrscherin
Herrscherin

Herrscherin

Sie fragt nicht,
sie befiehlt.
Nicht laut genug,
um sich später
"Herrisch" nennen zu lassen,
aber deutlich genug,
dass jeder weiß,
was jetzt zu tun ist.

Ein falsches Wort,
ein anderer Plan,
ein klares "Nein" - 
und schon kippt die Stimmung.

Plötzlich ist alles falsch.
Der Ton.
Die Menschen.
Der Tag.
Nur sie selbst
natürlich nicht.

Sie erwartet Dankbarkeit
für Dinge,
die niemand verlangt hat,
und Lob
für Selbstverständlichkeit.

"Du bist die Beste".
"Danke bist so toll."
"Danke, dass du das machst."

Sätze,
die nicht aus Wertschätzung entstehen,
sondern aus Pflicht.

Denn Anerkennung
ist bei ihr keine Freude,
sondern Treibstoff.

Und wehe,
der Applaus bleibt aus.

Dann wird aus einem Lächeln
ein beleidigtes Schweigen,
aus Nähe
Kälte,
aus einem Menschen,
der nicht funktioniert,
ein Problem.

Hinter deinem Rücken
kennt sie plötzlich
all deine Fehler.

Dort,
wo du es nicht hören kannst,
wird aus jedem Geheimnis
eine Geschichte,
aus jeder Schwäche
eine Pointe
und aus jedem Menschen
ein Gesprächsthema.

Doch sobald Publikum kommt,
ändert sich die Bühne.

Plötzlich wird gefragt,
gelächelt,
sich gekümmert.

Plötzlich bist du wichtig.

Nicht weil du es bist - 
sondern weil jemand zusieht.

Kaum schließt sich die Tür,
verschwindet auch das Interesse.

Denn echte Aufmerksamkeit
kostet sie zu viel.

Sie braucht keine Freunde.
Sie braucht Zuschauer.

Keine Menschen auf Augenhöhe.
Sondern Menschen,
die nicken.

Menschen,
die machen,
was sie sagt.

Menschen,
die ihre Stimmung lesen,
bevor sie selbst
überhaupt wissen,
wie sie sich fühlen.

Und alle haben längst gelernt,
dass Widerspruch
bei ihr nicht als Meinung gilt.

Es gilt als Angriff.

Dass Grenzen
keine Grenzen sind.

Sondern ungehorsam.

Dass ein eigener Wille
für sie nur dann akzeptabel ist,
wenn er zufällig
mit ihrem übereinstimmt.

Sie nennt das Stärke.

Sie nennt es Führung.

Sie nennt es Fürsorge.

Doch wenn man lange genug
hinter ihre Fassade schaut,
bleibt von all dem
nicht viel übrig.

Nur Kontrolle.

Verpackt in Lächeln.
Getarnt als Aufmerksamkeit.
Gefüttert mit Lob.

Und vielleicht ist das
das Traurigste an ihr:

Dass sie so verzweifelt
darauf angewiesen ist,
dass alle ihr folgen,

weil sie selbst
keine Ahnung hat,
wer sie wäre,

wenn plötzlich
niemand mehr gehorcht. 

© Christopher Steffler